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Cloud als Paradigma des digitalen Umbruchs

#6 der Blogserie zur Konferenz „Herausforderung Cloud und Crowd – Plattformen, Wertschöpfungssysteme und Organisation von Arbeit nachhaltig gestalten“ am 21.3.2017 in München

 

Beitrag von Andreas Boes und Barbara Langes, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V.

Die zentrale Herausforderung für die Unternehmen in Deutschland ist der digitale Umbruch. Bei allen von uns untersuchten Unternehmen hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass die Digitalisierung keine Randerscheinung ist, sondern von strategischer Bedeutung für die weitere Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Deutlich wird auch, dass die Strategien der Vorreiter-Unternehmen zur Bewältigung der digitalen Transformation deutlich konkreter und umsetzungsorientierter werden. Die entscheidende Frage für die Unternehmen und die Gesellschaft ist nun: Was muss mit Blick auf die Herausforderungen der Digitalisierung unternommen werden, um in Zukunft weiter erfolgreich zu sein?

Die einschlägigen Unternehmensberatungen bieten ihren Kunden als Antwort auf diese Frage diverse Trendprognosen an. Vor zwei, drei Jahren hießen die vier digitalen Top-Trends noch Social, Mobile, Analytics und Cloud. Aktuell findet man vor allem die Themen Machine Learning, Internet der Dinge und Cybersecurity ganz oben auf der Rangliste der wichtigsten Trends. Der aktuelle Shooting-Star unter den digitalen Trends ist das Thema „Künstliche Intelligenz“, das in den USA unter den Begriffen „machine learning“ oder „deep learning“ firmiert. Hier geht es darum, neuartige logische Maschinen zu entwickeln, die in der Lage sind, die gigantischen Datenmengen, die über die Vernetzung unterschiedlichster Informationsquellen in der Cloud entstehen, nutzbar zu machen. Ein weiteres Top-Thema ist „Internet of Things“. Hier geht es um die Ausstattung von Milliarden von Geräten mit Sensoren und internetfähigen Microcomputern und deren Vernetzung auf Basis der Cloud. So können neue Produkte und Dienstleistungen in unterschiedlichsten Feldern wie Gesundheit, Wohnen, Mobilität oder Zusammenarbeit in der Industrie erbracht werden. Eng mit diesen Themen verbunden ist das Thema „Cybersecurity“. Das ist kein Wunder. Denn je größer die Bedeutung datenverarbeitender Systeme wird und je mehr diese Systeme untereinander in der Cloud vernetzt werden, desto wichtiger ist es, dass diese Aktivitäten sicher sind.

„Cloud“ selbst findet sich aktuell noch unter den Top-Five der digitalen Trends. Wichtig, möchte man schlussfolgern. Aber nicht so wichtig wie KI oder IoT. In der Logik von Trends betrachtet, die alle gleich wichtig sind, mag das so erscheinen. Mit einer leistungsfähigen Theorie der Digitalisierung im Gepäck stellt sich das allerdings anders dar. Denn diese fragt nicht nach dem einzelnen Trend, sondern danach, wie diese verschiedenen Entwicklungen untereinander zusammenhängen. Nimmt man eine solche theoriegeleitete Perspektive ein, wird schnell deutlich, dass Cloud nicht ein Trend neben vielen ist, sondern die Basis für die erfolgreiche Verwendung aller genannten digitalen Technologien. Sie ist der strategische „Enabler“ der digitalen Transformation. Mit der Cloud nimmt der digitale Umbruch richtig Fahrt auf. Und wer in der digitalen Transformation strategiefähig werden will, muss Cloud verstehen.

Was bedeutet es, Cloud als strategischen Kern des digitalen Umbruchs zu verstehen? Da müssen wir zunächst einmal ein wenig Wasser in den Wein gießen. Denn für viele Strategen in den Unternehmen ist Cloud – ganz im Einverständnis mit den Lehrbüchern der Informatik und Wirtschaftsinformatik – lediglich ein technisches Konzept, genauer gesagt vor allem ein Hosting-Konzept, ein Rechenzentrum neuen Ausmaßes. Also etwas, das sicher funktionieren muss, ansonsten aber keine strategische Bedeutung hat. Dieses Hosting von IT-Infrastrukturen, Software und Daten durch Cloud-Betreiber wie Amazon, Microsoft oder Salesforce verspricht den Unternehmen vor allem Vorteile bei der Skalierbarkeit ihrer IT-Systeme, bringt eine Vereinheitlichung der verwendeten Software-Versionen und ermöglicht so vor allem deutliche Kostenersparnisse bei steigender Performanz der Systeme. Aber als Hosting-Konzept im Sinne des gebräuchlichen Begriffs „Cloud-Computing“ stellt das Konzept keine qualitative Neuerung dar.

Hört man den Strategen in den Vorreiter-Unternehmen der IT und der großen Industrieunternehmen allerdings genauer zu, wird deutlich, dass das Konzept der Cloud in der Praxis aktuell eine weitreichende Veränderung in seiner Bedeutung erfährt. Gerade die Entscheider, die mit den wirklich neuen digitalen Geschäftsmodellen befasst sind, verwenden den Begriff der Cloud viel grundsätzlicher. Sie messen ihm eine qualitativ neue Bedeutung zu und bezeichnen damit nicht nur eine bestimmte Technologie, sondern ein neues Paradigma, also eine strategische Leitvorstellung, wie Informations- und Kommunikationssysteme als sozial eingebettete Systeme in Zukunft gestaltet werden sollten. Sehr zugespitzt formulierte es unlängst im Rahmen unserer Erhebungen einer unserer Interviewpartner. Er meinte, Cloud sei die Basis einer neuen Idee der Wertschöpfung.

Auch wenn die Strategen in den Unternehmen die Idee der Cloud als ein neues Paradigma in der Praxis oft noch eher intuitiv verwenden, markiert sie einen qualitativen Unterschied zu allen bisherigen Konzepten der Digitalisierung. Sie löst geradezu einen Knoten in den Köpfen. Wer mit dieser Leitorientierung unterwegs ist, kommt in der Praxis zu radikaleren Lösungen, geht die Dinge konsequenter an und denkt die Strategien oft deutlich weiter über den Tag hinaus. Was macht nun dieses neue Paradigma der Cloud aus?

Informations- und Kommunikationssysteme werden dieser Orientierung folgend im Sinne eines durchgängigen und friktionslosen Informationsraums gestaltet. Diese Idee kehrt das bisher vorherrschende Prinzip der Gestaltung geradezu um. Denn bisherige Konzepte setzten darauf, die überkommene informationstechnische „Kleinstaaterei“ weiter fortzusetzen und die segmentierten Informationssysteme auf Basis gemeinsamer Standards zu vernetzen, statt die Grenzen radikal einzureißen.

Mit der Cloud entsteht ein „offener Raum“, über den alles mit allem in Beziehung gebracht werden kann. Daten aus unterschiedlichsten Verwendungszusammenhängen, die in klassischen Datenbanken vorgehalten werden, können mit unstrukturierten Daten aus Social Media-Aktivitäten und den Sensordaten von Tausenden Maschinen zusammen gebracht werden, um daraus in unendlichen Iterationen weitere Daten zu generieren. Soziologisch interpretiert entsteht mit dem Paradigma der Cloud eine neue gesellschaftliche Handlungsebene. Die schnell fortschreitende informatorische Doppelung von Dingen und menschlichen Handlungen in der Cloud macht diese immer wirkmächtiger und zur zentralen Eingriffsebene in die Welt. Zugespitzt möchte man sagen: Die Welt findet zunehmend in der Cloud statt und wird über diese gestaltet.

In der Cloud werden heute Millionen von Sensoren, Maschinen und Geräten miteinander verbunden und deren Daten gesammelt, analysiert und ausgewertet. Entscheidend ist hierbei, dass es nicht alleine um die technische Seite der Vernetzung von Dingen und des Austausches von Daten geht. Das übersehen die vorherrschenden Konzepte oft. Vielmehr wird in diesem offenen Raum heute auch das Handeln und Tun der Menschen selbst zusammengeführt und in Beziehung gebracht. Lebendig wird dieser Raum nicht durch die blinde Vernetzung von bits und bytes, sondern durch die kollektive Intelligenz von Menschen. So erst werden aus Daten nützliche Informationen. So gewinnen sie Sinn und Bedeutung in der Welt.

Mit der Cloud tritt die digitale Transformation von der inkrementellen in die disruptive Phase. Die digitale Transformation und insbesondere die Durchsetzung des neuen Paradigmas der Cloud sind jedoch mitnichten nur Technikthemen. Sie gehen uns alle an, weil sie unser aller Arbeits- und Lebensbedingungen grundlegend verändern werden. Entscheidend ist, dass wir die Tragweite des digitalen Umbruchs erkennen und das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Wie müssen lernen die Entwicklung aktiv zu gestalten. Dies ist die zentrale Herausforderung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

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Inhalte dürfen ausschließlich unter Angabe der Quelle verwendet werden:

Boes, Andreas; Langes, Barbara (2017): Cloud als Paradigma des digitalen Umbruchs. München. Online verfügbar unter http://idguzda.de/blog/cloud-als-paradigma-des-digitalen-umbruchs/ [20.03.2017].

Autorenkollektiv: Andreas Boes, Katrin Gül, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr, Kira Marrs, Elisabeth Vogl, Alexander Ziegler
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