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Mühsam gebändigte Unsicherheit – Zur Sozialstruktur des Silicon Valley

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(shutterstock.com)

Auf dem Weg zu unseren Interviews in die schicken Büros in Downtown San Francisco begegnen uns immer wieder Menschen, die offensichtlich auf der Straße leben und um Spenden bitten oder einfach in Hauseingängen schlafen. Man spürt bei den wohlhabenden Menschen und bei den Touristen eine gewisse Fassungslosigkeit ob der Aussichtslosigkeit ihrer Existenz, die diese Menschen ausstrahlen. Sie passen einfach nicht ins Bild des hippen Silicon Valley. Aber seit unserem Besuch im Jahre 2008 sind die Menschen, die auf der Straße leben, deutlich mehr geworden.

Die sozialen Kontraste hier sind enorm groß; das merken wir schnell. Da ist einmal eine gut ausgebildete Mittelschicht, die nach Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs über einen ansehnlichen Wohlstand verfügt. Sie ist hier im Valley ethnisch auffallend divers zusammengesetzt. Neben weißen Amerikanern und Westeuropäern, gehören dazu auffallend viele Menschen indischer und chinesischer Herkunft. Einige leben hier bereits schon in der zweiten Generation. Es sind aber auch oft Menschen, die von den Firmen nur auf Zeit hier angestellt werden und danach wieder zurück nach Indien oder China gehen.

In scharfem Kontrast dazu: die vielen Obdachlosen, die oft eine große Hoffnungslosigkeit ausstrahlen. Einige sitzen den ganzen Tag über an der gleichen Stelle in der Stadt und sprechen Menschen um Unterstützung an. Manche haben sogar richtig clevere Überlebensstrategien entwickelt, indem sie Touristen wie uns das umständliche Metro-System erklären. Viele sind aber auch so verwirrt, dass man sich nicht vorstellen kann, wie sie langfristig auf der Straße überleben können. Wahrscheinlich ist das vergleichsweise warme Wetter ein positiver Faktor für diese Menschen.

Und dazwischen befindet sich eine Art „Dienstbotenklasse“. Menschen, die im Umfeld der Mittelschichten und am Rande des Booms ihre Existenz fristen. Die dafür sorgen, dass die wohlhabenden Menschen viel Zeit mit der digitalen Transformation verbringen können. Sie reinigen die Hotelpools, sitzen an der Kasse im Supermarkt, versorgen als Nannys deren Kinder und bedienen uns im Restaurant. Diese sind anders als die Obdachlosen noch direkt im ökonomischen System integriert. Sie profitieren, wenn auch nur marginal, von der enormen Wirtschaftskraft des Silicon Valley. Anders als bei den Obdachlosen, die scheinbar nur selten mit Spenden bedacht werden, ist es hier durchaus üblich, den Menschen in den Dienstleistungsjobs 20 Prozent und mehr als Trinkgeld zu zahlen oder den Kolleginnen und Kollegen, die die Zimmer reinigen, einen Tip auf das Hotelkissen zu legen. Sie brauchen diese Gelder vermutlich dringend.

Die vierte Gruppe in der Sozialstruktur ist im Silicon Valley nicht sichtbar. Leider haben wir nicht heraus gefunden, wo wir die wirklich Super-Reichen, die es hier in relativ großer Anzahl geben muss, finden können. Sie sind hier auch nicht so präsent, wie beispielsweise in Russland, wo sie ihren Reichtum offensiv zur Schau stellen.
In unseren Interviews wird deutlich, wie die Sozialstruktur des Silicon Valley sich aus der Sicht der Mittelschicht in den IT-Unternehmen darstellt. Aus ihrer Sicht glänzen die Glasfassaden der Bürokomplexe im Inneren durchaus nicht so sehr wie es von außen manchmal den Anschein hat. Die Einstiegsgehälter in den gestandenen IT-Unternehmen werden in unseren Gesprächen mit 60 bis 95 Tausend Dollar beziffert. Das ist auf den ersten Blick sehr viel. In Deutschland bewegen wir uns für die gleiche Qualifikation bei 40 bis 65 Tausend Euro. Doch dieses Einkommen reicht nicht für ein Leben in einer typischen US-Mittelschichtfamilie. Dazu wären zwei Einkommen auf diesem Niveau notwendig, klärt man uns auf.

Der Grund dafür sind zunächst einmal die enorm hohen Immobilienpreise. Seit der Immobilienkrise im Jahr 2008 sind diese enorm gestiegen. Sie liegen nach unserem Eindruck beispielsweise deutlich über denen in München. Dazu sind noch pro Kind die Kosten für die Privatschulen zu rechnen. Die „educated people“, wie sie sich hier nennen, zahlen pro Kind ca. 20 Tausend Dollar für Schulgeld, um ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Denn in den meisten Gegenden, so ihre Einschätzung, wäre es ein soziales Experiment mit einem großen Risiko, wenn man sie auf öffentliche Schulen schicken würde. Also sei man ab 150 Tausend Dollar Jahreseinkommen hier einigermaßen auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Einkommen in dieser Höhe zu erzielen ist selbst für die gut ausgebildeten IT-Fachkräfte nicht ganz einfach. Es macht es notwendig, dass in Familien beide Partner zum Einkommen beitragen oder einer sehr viel verdient. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Arbeitsverträge so gestaltet sind, dass es im eigentlichen Sinne keine Kündigungsfrist gibt.

Angesichts der hohen Schulden, die für die Häuser abzuzahlen sind, resultiert daraus selbst in der aktuellen Boomphase ein Risiko. Mit anderen Worten: selbst die vermeintlichen Gewinner des Silicon Valley leben ökonomisch unter einem hohen Druck, weil die Lebenshaltungskosten hier sehr, sehr hoch sind. Ein Ausfall eines Einkommens kann hier schnell zu fatalen Folgen führen. Hinzu kommt, dass die ungleichen Einkommensverhältnisse einen regelrechten Verdrängungswettbewerb hinsichtlich der Wohngebiete bewirken. Die guten Wohngegenden sind nur noch für sehr gut verdienende Fachkräfte bezahlbar. Die Menschen unterhalb dieses Gehaltsniveaus werden in die Außenbezirke verdrängt.

In diesem Kontext wird es von vielen Menschen als unsozial erlebt, wenn der ohnehin knappe Wohnraum durch die Politik von Airbnb weiter verknappt wird. Und Blockaden von Google-Bussen, die die Mitarbeiter dieses Unternehmens komfortabel aus San Francisco nach Mountain View fahren, machen deutlich, dass die sozialen Unterschiede von Menschen unterhalb der mittleren Mittelschichten nicht einfach nur hingenommen werden. Aber selbst für die wohlhabenden Mitteschichten besteht die Welt nicht nur aus Sonnenschein. Solange der Boom hier im Silicon Valley anhält, können sie sich auf der Sonnenseite wähnen. Sie bezahlen diese hervorgehobene Stellung mit viel Arbeit. Was passiert, wenn der Boom wie 2008 wieder endet, mag man sich da gar nicht ausmalen.

Autorenkollektiv: Andreas Boes, Katrin Gül, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr, Kira Marrs, Elisabeth Vogl, Alexander Ziegler
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