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Plankton, Putzerfische und Wale – Überlegungen zum Innovationssystem des Silicon Valley

Google: Großer Fisch im Valley.

Google: Großer Fisch im Valley.

Silicon Valley ist ein gigantisches soziales Experiment, um einen Katapultstart in die digitale Ökonomie zu erreichen. Hier wird nicht nach und nach – hier ein bisschen, da ein bisschen – innoviert. Hier wird nach dem Mond geschossen, nach der radikalen Innovation gesucht, die aus den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung eine disruptive Veränderung ganzer Märkte macht.

Diese katapultartige Transformation einer Gesellschaft und ihrer Ökonomie basiert auf vielen Faktoren (Gründerszene, Umgang mit Daten). Besonders wertvoll ist die Verbindung von großen Mengen an Risikokapital, sehr gut ausgestatteten Universitäten, einer extremen Dichte an innovativen Unternehmen und einem extrem lebendigen Netzwerk zwischen den Menschen in der IT des Valley. Das ist bekannt. Wir diskutieren hier immer wieder, wie die unterschiedlichen Unternehmen in diesem System zusammenwirken. Darin scheint uns ein wichtiges Erfolgsgeheimnis zu liegen.

Das Innovationssystem des Valley wird natürlich wesentlich von den Googles und Apples bestimmt. Sie sind hier die Big Player über die jeder spricht. Aber es wäre zu kurz gegriffen, das Innovationssystem des Silicon Valley allein von den Big Playern her zu verstehen. Betrachtet man die verschiedenen Unternehmen in einer systemischen Perspektive, so wird deutlich, dass es gewissermaßen verschiedene Schichten in dem Innovationssystem des Valley gibt.

Den Basislayer der Innovationen bilden die kleinen Start-Ups, die hier in den Universitäten und Privathäusern zu Tausenden an neuen Lösungen bauen. Sie sind so etwas wie das „Plankton“ des Innovationssystems im Silicon Valley auf dem die gesamte Nahrungskette basiert. Sie werden manchmal „gefüttert“ mit dem Kapital von Investoren und größeren Unternehmen. Sie sind natürlich wichtige Erfinderlabore im Valley, die tausende neuer Ideen bis zu einem Stadium entwickeln, dass es sich für die größeren Unternehmen lohnt, darüber nachzudenken, ob daraus etwas werden könnte. Weil es in Zeiten des disruptiven Umbruchs von Märkten möglich ist, dass ein Unternehmen, das als Start-Up noch vom Geld der Investoren abhängig ist, dennoch schon eine marktbeherrschende Stellung hat, wird dieser Impuls zur Neuerfindung enorm befeuert. Google beispielsweise wurde 1998 gegründet. Heute beherrscht es die strategischen Momente der kommerziellen Nutzung des weltweiten Informationsraums und verfügt über einen Cash-Flow, um große Industrieunternehmen aus dem Stand aufkaufen zu können.
Die Start-Ups haben des weiteren auch eine Ausbildungs- und Karrierefunktion für die großen Fische. Viele Berufsanfänger sammeln in den Start-Ups ihre ersten Erfahrungen und wechseln dann zu den Googles des Valley. Und umgekehrt landen viele ehemalige Mitarbeiter nach einer vergleichsweise kurzen Zeit beim Branchenführer in Start-Ups und machen dort ihr eigens Ding.

Die Start-Ups haben drittens als Plankton im Innovationssystem aber auch wesentlichen Anteil an der Innovationskultur des Valley. Sie bringen den Gründerspirit immer wieder neu in dieses Innovationssystem hinein und sorgen dafür, dass es nie erlahmt. Dabei ist die starke Orientierung auf Werte und das visionäre Denken funktional. Dieses wird wesentlich von den Start-Ups in die Szene gebracht. Denn in den frühen Phasen der Verwirklichung einer Idee resultiert die Überzeugungskraft eines Produkts oder einem Service, die es noch gar nicht gibt, aus der Vision, die damit verwirklicht werden soll. Die Start-Ups würden überhaupt kein Geld bekommen und auch nicht zur Kenntnis genommen werden, wenn sie ihre Ideen nicht mit sehr großer Emphase und visionärem Eifer vortragen würden. Dabei bedienen sie oft Kulturmuster aus der Alternativbewegung der 60er und 70er Jahre. Es ist hier durchaus opportun, dass man ganz wie diese Bewegung die Welt verbessern will. Und dass dies am Ende auch dazu führen soll, dass man Mark Zuckerberg und Larry Page in Sachen Einkommen in nichts nachsteht, wird hier nicht als Widerspruch erlebt.

Auf dem Apple Campus, Cupertino.

Auf dem Apple Campus, Cupertino.

Eine vierte wichtige Funktion der Start-Ups ist ihre normsetzende Wirkung. In den Startups wird mit wenig Geld und viel Idealismus gearbeitet. Wenn sie das Glück haben, über das Geld von Investoren zu verfügen, sind sie nur für eine vergleichsweise kurze Zeit die Sorgen um ihre Existenz los. Sie müssen nach spätestens zwei Jahren beweisen, dass ihre Idee es lohnt, in einer weiteren Phase mit fremdem Kapital unterstützt zu werden. Weil hier Start-Up-Phase auf Start-Up-Phase folgt, und die Unternehmen selbst nach Jahren noch voll auf Wachstum und Entwicklung ihrer Idee und nicht auf Gewinn orientiert sind, hängen sie über viele Jahre am Tropf ihrer Investoren. Mit den Start-Ups, die sich also in einer permanenten Bewährungsphase befinden, werden in der Arbeits- und Innovationskultur des Valley die Leistungsnormen begründet. In allen unseren Gesprächen, auch bei den gestandenen IT-Unternehmen, wurde immer wieder darauf verwiesen, dass man hier viel arbeite. Und immer wurde darauf Bezug genommen, dass die spezielle Arbeitsweise der Start-Ups – viel Idealismus, lange Arbeitszeiten – normsetzende Wirkung für alle Unternehmen habe.

Ein Teil der Start-Ups ist nicht einfach die basale Nahrungsquelle für alle großen Fische. Einige von ihnen mutieren zu „Putzerfischen“. Diese leben in enger Symbiose mit den großen Fischen, erfüllen gewisse Funktionen für diese und profitieren im Umkehrschluss von deren Unterstützung und Schutz. Alle großen Unternehmen unterhalten ein Ecosystem an Unternehmen um sich herum, mit denen sie Innovationen treiben. Sie stellen diesen Unternehmen oft die notwendigen Zugänge zu Produktionsmitteln zur Verfügung und profitieren im Gegenzug von deren Innovationsbeiträgen. Spannend sind hier zum Beispiel die Hana-Plattform von SAP oder Force.com vom Konkurrenten Salesforce. Diese Plattformen richten sich nicht nur an bereits etablierte „Putzerfische“ im eigenen Eco-System, sondern stehen der Crowd, also einer anonymen Menge von Entwicklern offen.

Autorenkollektiv: Andreas Boes, Katrin Gül, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr, Kira Marrs, Elisabeth Vogl, Alexander Ziegler
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