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Was heißt disruptive Innovation für Deutschland? Oder: Was wir vom Silicon Valley nicht lernen können

Mittlerweile sind wir wieder in Deutschland. Unsere geliebte Arbeit hat uns wieder. Aber die vielen Eindrücke aus den zwei Wochen in Silicon Valley sind noch da. Gerade bereiten wir die nächsten Vorträge vor. Da ist es geradezu notwendig, die neuen Eindrücke aus dem Valley auf das Thema zu beziehen.

Wir hatten eine gute Vorstellung davon, wie wichtig das Valley für die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ist. Was uns dennoch überrascht hat, war die Wucht der Veränderung. Das ganze Silicon Valley ist ein regelrechtes Biotop, um einen Katapultstart in die digitale Gesellschaft und die digitale Ökonomie zu erreichen.

Es ist nicht alles "Sonnenschein" im Silicon Valley.

Es ist nicht alles “Sonnenschein” im Silicon Valley (shutterstock.com).

Während wir hier in Deutschland gerade anfangen zu verstehen, dass die Daten immer wichtiger werden, dass sie das Öl des 21. Jahrhunderts sein werden, hat man dort bereits verstanden, dass mit der Digitalisierung eine neue gesellschaftliche Handlungsebene entstanden ist: Wir tauchen nicht mehr aus der „realen“ Welt in die „virtuelle“ Welt ein, sondern wir nutzen einen gigantischen Informationsraum als neue Dimension sozialen Handelns! Während wir darüber nachdenken, wie wir aus Daten ein neues Business machen können, denken die Unternehmen dort darüber nach, wie sie diesen Informationsraum für eine disruptive Veränderung der Ökonomie nutzen können. Uber erschüttert den Taximarkt indem er angeworbene Fahrer und Fahrgäste über den Informationsraum vernetzt. Im nächsten Schritt wird er dazu selbstfahrende Autos nutzen. Die lässt er gerade konzipieren. Airbnb lässt das Hotelgewerbe schlecht aussehen, indem sie die Privatwohnungen von Millionen Menschen an Interessierte über eine Plattform im Informationsraum anbieten. Und Tesla baut nicht einfach nur ein Elektroauto mit Beschleunigungswerten wie ein Porsche. Sie konzipieren das Auto als Objekt im Informationsraum: Alles, was mit diesem Auto gemacht wird, steht unter Dauerbeobachtung. So erhält Tesla riesige Datenmengen über das Fahrverhalten oder die Mobilitätsgewohnheiten seiner Kunden. Für die Entwicklungsabteilungen ist angesichts dieser Datenmengen natürlich Weihnachten und Ostern an einem Tag. Denn Autos entwickeln heißt hier vor allem Software entwickeln. Und dazu braucht man möglichst viele exakte Daten. Dabei kann Tesla über den Informationsraum die Software des Autos permanent auf den neuesten Stand bringen, also wie eine neue App auf dem iPhone „flashen“.

Angesichts der Wucht der Veränderung stehen wir hier in Deutschland vor der Herausforderung, uns sehr schnell auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Dabei können wir aber nicht, wie ein Uber, ein Airbnb oder ein Google, die allesamt noch keine 20 Jahre alt sind, auf der grünen Wiese unser Geschäft neu aufbauen. Wir müssen vielmehr die gewachsenen industriellen Strukturen in das digitale Zeitalter übersetzen. Was heißt also disruptiv für uns? Wie macht man eine grundlegende Wende, ohne die Kunden, die Führungskräfte und die Mitarbeiter zu verlieren? Denn die brauchen wir alle, wenn wir am Ende Erfolg haben wollen.

Wie wir es nicht machen sollten, führt uns das Silicon Valley dabei ebenfalls vor. Hier wird im Bestreben, sich möglichst schnell ins digitale Zeitalter zu katapultieren nicht viel Wert auf die Beachtung der sozialen Folgewirkungen gelegt. Warum auch? Denn angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs haben viele etwas von der digitalen Revolution: Die Softwareentwickler und Vertriebsspezialisten in den gestandenen Unternehmen verdienen gut. Die Googles verteilen Aktienoptionen. Und die Gründer leben (oft mit visionärer Erweckungsgewissheit) von der Hoffnung, dass ihr Geschäft ein Erfolg wird und sie ähnlich wie Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, in zehn Jahren ein großes Vermögen oder zumindest die Welt verbessert haben werden. An einen nachhaltigen sozialen Wandel denken hier nur wenige. Die Googles dieser Welt schießen vielmehr mit einer Technikgläubigkeit, die einem manchmal Angst machen kann, mit ihren Erfindungen „nach dem Mond“.

Dabei sind die Verwerfungen im sozialen Gefüge schon heute sehr gut sichtbar. Wer in die schicken Büros der neuen Stars des Silicon Valley in San Francisco möchte, wird auf dem Weg dahin vielen Menschen begegnen, die ihr Leben auf der Straße fristen. Und wer einmal erlebt hat, wie ein Jumbo-Jet im Flughafen von San Francisco von unqualifizierten Aushilfskräften umgebucht wird, weiß, wovon ich spreche.

SF-Airport: Was nicht im Fokus der Digitalisierung steht, läuft nicht (EQRoy / Shutterstock.com).

SF-Airport: Was nicht im Fokus der Digitalisierung steht, läuft nicht wirklich gut (EQRoy / Shutterstock.com).

Alles, was nicht im Fokus des digitalen Katapultstarts steht, läuft nicht wirklich gut. Das liegt daran, dass hier nur wirklich mitmachen kann, wer „Professional“ ist, also einen Hochschulabschluss hat, und im Fahrwasser des digitalen Umbruchs sein Geld verdient. Alle anderen schlagen sich mehr schlecht als recht durch, werden wegen der horrenden Immobilienpreise – und weil Airbnb den Wohnraum an Touristen vermakeln will – aus der Region vertrieben. Und selbst die Professionals befinden sich in einer unsicheren Lage. Wegen der hohen Immobilienpreise sind für die Mittelschichten Einkommen von 150 Tausend Dollar notwendig, um Kinder für 20 Tausend Dollar im Jahr auf die Privatschule schicken zu können und dabei gleichzeitig noch das Haus abzubezahlen. Dafür hat der Arbeitstag keinen regulären Feierabend. Man ist „always on“. Selbst wenn man sich abends in der Bar mit Kollegen oder Freunden zum Bier trifft, wird viel über die nächste tolle Idee und das Business dahinter gesprochen. Hier ist halt ganz schön viel Druck drin, auch wenn alle kalifornisch locker dabei sind. Das ist anders als 2008, als wir das letzte Mal im Valley waren. Da waren sie deutlich gelassener.

In der Boomphase mag das alles so funktionieren. Aber wenn die nächste Krise kommt, wie damals 2008, wird man sehen, was das ganze wert ist. Wahrscheinlich kann das Silicon Valley nur funktionieren, wenn es sich mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit immer wieder neu erfindet. Aber sobald das Tempo nur ein wenig nachlässt, könnten die sozialen Verwerfungen zu einem ernsthaften Hemmnis werden.

Das kann nicht unser Weg sein. Wenn wir eine nachhaltige Veränderung der Gesellschaft wollen, müssen wir die Menschen mitnehmen. Statt auf die selig machende Wirkung der Technik zu hoffen, sollten wir viel mehr Wert darauf legen, das Empowerment der Menschen zu stärken, also ihre Fähigkeit, sich selbstbewusst und kompetent in die Gestaltung der Gesellschaft und der Arbeitswelt einzumischen. Dazu gehört vor allem, dass wir sie mit ihren Interessen und auch mit ihren Ängsten und Bedenken aktiv an der Umgestaltung der Gesellschaft und insbesondere der Unternehmen beteiligen.

Das ist der Kern unserer Vorstellung einer modernen Mitbestimmung. Denn diese ist gerade in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs nicht eine Frage des Verhandelns über die Köpfe der Menschen hinweg. Es geht vielmehr um deren aktive Beteiligung. Dies stellt nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Gewerkschaften und Betriebsräte vor neue Herausforderungen. Dieses Empowerment der Menschen zu fördern und sie zu unterstützen, ihre Ideen in die Gestaltung der Zukunft von Arbeit und Gesellschaft einzubringen, ist eine historische Aufgabe für Gewerkschaften und Interessenvertreter. Ohne diesen Beitrag kann ich mir eine menschengerechte digitale Gesellschaft nicht vorstellen.

Autorenkollektiv: Andreas Boes, Katrin Gül, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr, Kira Marrs, Elisabeth Vogl, Alexander Ziegler
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