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Erwerbsarbeit im Zeitalter der Cloud: Arbeitnehmerstatus in der digitalen Welt neu definieren

In Deutschland begann 2012 eine wichtige Debatte um die Zukunft der Erwerbsarbeit. Die Betriebsräte von IBM schlugen Alarm, weil sich in ihrem Unternehmen eine radikale Neuerung in der Organisation der Arbeit abzeichnete. Ein HR-Manager des Unternehmens hatte ausgeplaudert, dass das Unternehmen unter dem Kürzel „GenO – Generation Open“ ein Programm gestartet habe, an dessen Ende statt damals 400.000 Mitarbeitern nur noch 100.000 bei IBM selbst beschäftigt sein könnten. Der Rest solle sich über Crowdsourcing-Plattformen, ohne eine feste Anstellung im Wettbewerb mit hundert Tausenden anderer Crowdworker um Aufträge bemühen.

Die Meldung wurde von IBM schnell dementiert, dennoch entspann sich schnell eine sehr intensive Debatte um eine neue Form des Outsourcings, die dem „Normalarbeitsverhältnis“ vollends den Garaus machen könnte. Allerorten setzte sich die Befürchtung fest, dass in der digitalen Arbeitswelt an die Stelle fester Beschäftigungsverhältnisse eine neue Art des „digitalen Tagelöhnertums“ ohne arbeitsvertragliche Absicherung trete.

Wir gehen dieser Entwicklung aktuell in mehreren Forschungsprojekten nach. Unser Zwischenergebnis ist: Mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft zeichnet sich eine Revolution der Arbeitswelt ab. Neue Organisationsformen von Arbeit wie das viel diskutierte „Crowdsourcing“ sind dabei aber nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche vollzieht sich vielmehr ein fundamentaler Umbruch in der Produktionsweise des Kapitalismus. Die Unternehmen lagern nicht einfach nur Arbeit in die neuen Marktplätze für Arbeit aus. Sie etablieren eine neue Leitorientierung der Organisation von Arbeit, die wir als „Cloudworking“, als „Arbeiten in der Wolke“ bezeichnen. Die diesem Konzept der Arbeit zugrundeliegende Idee bezeichnet IBM zutreffend als „Working in the open“.

Auslöser für diesen Umbruch ist ein auf Basis des Internets entstandener global verfügbarer und vernetzter Informationsraum, der eine neue soziale Handlungsebene für die Weltgesellschaft öffnet. Für Unternehmen bildet er einen „neuen Raum der Produktion“, dessen Möglichkeiten zur Organisation von Wertschöpfung und Arbeit sie derzeit ausloten. Kern ihres neuen Bauplans ist die offene und flexible Gestaltung von Wertschöpfungssystemen wie sie das Silicon Valley bereits vorlebt: Wertschöpfungssysteme werden je nach Erfordernis immer wieder neu zusammengesetzt. Stabile vertragliche Bindungen treten in den Hintergrund und an ihre Stelle treten Cloud-Plattformen.

In der Folge wird „Cloudworking“ zur neuen Leitorientierung der Organisation von Arbeit und der Öffnung der Unternehmen. Cloud-Plattformen fungieren als Rückgrat der offenen Zusammenarbeit im Informationsraum und ermöglichen eine flexible Zusammenarbeit zwischen festangestellten Beschäftigten, Kunden und Soloselbständigen. Im Zuge dieser Entwicklung verschwinden nicht nur die Grenzen zwischen den klassischen Industrien. Auch Macht und Hierarchien innerhalb der Wertschöpfungssysteme werden neu sortiert.

Diese Trends haben das Potenzial, das seit dem Zweiten Weltkrieg entstandene System gesellschaftlicher Arbeit mit dem geschützten Status des Arbeitnehmers im Zentrum zu destabilisieren und die zum Schutz von Lohnarbeit geschaffenen Institutionen – Sozialversicherungen, Mitbestimmungsrechte und das Arbeits- und Tarifrecht – unwirksam zu machen. Denn, auf der Cloud-Plattform sind alle gleich! Mitarbeiter, „mitarbeitende Kunden“, Freelancer, Mitarbeiter von Partnerunternehmen und Crowdworker – alle sind sie Arbeitskräfte, die über Cloud-Plattformen nach dem Lego-Prinzip immer wieder neu zu funktionierenden Wertschöpfungssystemen zusammen gesetzt werden können. Sie unterscheiden sich nur durch unterschiedliche Zugriffsrechte, die aber schnell gewechselt werden können.

Was bedeutet dies für die Zukunft der Arbeit? Ist es wirklich so schlimm, wenn ein paar alte Zöpfe abgeschnitten werden und die Regularien der Arbeit gelockert werden? Wir meinen: Unter der Fahne des Fortschritts in eine vermeintlich moderne Arbeitswelt droht aktuell ein zentraler Garant gesellschaftlicher Integration, der sozial anerkannte „Status des Arbeitnehmers“ wie der französische Soziologe Robert Castel ihn definiert hat und wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den modernen Gesellschaften etabliert hat, unwirksam gemacht zu werden.

Castel führt in seinem Buch zu den „Methamorphosen der sozialen Frage“ aus, welche fundamentale Bedeutung für die Integration der Lohnarbeit in die Gesellschaft der Übergang von der „Kontraktualisierung“ der Arbeit zum anerkannten „Status des Arbeitnehmers“ hatte. Erst die in diesem Status liegende gesellschaftliche Anerkennung der „Schutzbedürftigkeit der Lohnarbeit“ machte den Weg frei, um Lohnarbeit in die Gesellschaft zu integrieren, sie zu einer lebbaren Existenz zu machen (ausführlich Boes, A./Bultemeier, A. (2010): Anerkennung im System permanenter Bewährung. In: Soeffner, H.-G. (Hg.): Unsichere Zeiten. Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen. Verhandlungen des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Wiesbaden).

Was also als Festhalten an „alten Zöpfen“ erscheint, ist in Wirklichkeit fundamental für die Integrationsfähigkeit der digitalen Gesellschaft. Die Herausforderung ist es jetzt, den Status des Arbeitnehmers zu reformulieren und die Instrumente zu dessen Sicherung neu zu definieren, um so den Transfer unseres bewährten sozialen Sicherungssystems von der analogen in die digitale Arbeitswelt zu bewältigen.

Andreas Boes bloggt in dieser Woche im Rahmen der ARD Themenwoche “Zukunft der Arbeit”

Zum neuen Forschungsprojekt “Herausforderung Cloud und Crowd

Autorenkollektiv: Andreas Boes, Katrin Gül, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr, Kira Marrs, Elisabeth Vogl, Alexander Ziegler
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