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„Kultur der Digitalität“ – Andockpunkte für eine weitergehende Debatte

Beitrag von Andreas Boes, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V.


Der Hinweis von Alexander Klier, dass er interessante Parallelen zwischen den Überlegungen von Felix Stalder (siehe Tweet vom 2.12.19) und mir sieht, hat mich motiviert auf die Schnelle ein paar Andockpunkte für weitere Überlegungen und eine gemeinsame Debatte zu markieren.  

 

Möglichkeitsraum

Augenfällig ist die ähnliche Verwendung des Begriffs des „Möglichkeitsraums“. Da steckt tatsächlich ein starker und aussichtsreicher Bezug drin. 

In besagtem Tweet schreibt Felix: „Digitalität ist der Möglichkeitsraum, der durch die selektive Erweiterung und Transformation der Kommunikations- und Handlungsfähigkeit unterschiedlicher Akteure auf Basis digitaler Infrastrukturen entsteht“ (Tweet vom 2.12.19) 

Bei mir klingt diese Idee ähnlich an. In meinem Blog „25 Jahre Zukunft der Arbeit“ heißt es beispielsweise: „Kurzum, der Informationsraum ist ein neuartiger sozialer Handlungsraum, der den Menschen einen nahezu unbeschränkten Möglichkeitsraum zur Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt.  ​Das Leben der Menschen findet nun auf zwei miteinander verschachtelten Bühnen statt. Das soziale Leben ist immer zugleich analog und digital.“​   

Aus meiner Sicht hat die Verwendung des Begriffs des „Möglichkeitsraums“ zwei interessante Implikationen. Einmal der Bezug zum Konzept sozialer Räume. Zum anderen die darin angelegte Möglichkeit, einen positiven Ausgang aus der Geschichte zu finden. Beides halte ich für essenziell für eine Weiterführung der Debatte um die sogenannte digitale Gesellschaft. 

 

 

Raumbegriff 

Felix kommt von einer medientheoretischen Perspektive (McLuhan) mit einem zentral gestellten Medienbegriff und landet dennoch bei einem Raumkonzept. Ähnlich war mir das schon bei der interessanten Arbeit von Jöran Muuß-Merholz zu Bildung aufgefallen (Tweet vom 30.11.19). Ich finde das interessant. Denn das Medienkonzept von McLuhan und auch das von Luhmann hatten Andrea Baukrowitz und ich in den 1990er Jahren bei Ausarbeitung der Grundzüge der „Theorie der Informatisierung“ in seiner Reichweite für begrenzt bewertet und deshalb nicht weiterverfolgt. Das betraf sowohl die Fassung von McLuhan als auch die von Luhmann und angrenzenden Kolleginnen und Kollegen. Dirk Baecker schließt an die beiden mit sehr interessanten Ergebnissen an. Aber meins war es damals nicht und ist es auch heute nicht wirklich.  

Wir haben daher den Weg über einen informationstheoretischen Zugang und eine „Theorie der Informatisierung“ gewählt: Über die Erzeugung und Nutzung von Informationen als Moment der Steigerung geistiger Produktivkräfte kommen wir zu historischen Entwicklungsstadien: Verschriftlichung – Informationssystem – Informationsraum. Da schließe ich in neueren Arbeiten mit Tobias Kämpf an eine marxistische Produktivkrafttheorie an. Das Konzept der Produktivkräfte scheint mir ausreichend offen zu sein, um in der Dialektik zu Produktionsverhältnissen sowohl eine kritische Perspektive auf die digitale Entwicklung einnehmen zu können, als auch gleichzeitig die im Begriffskonzept der Produktivkräfte systematisch angelegte Chance auf die Erweiterung der Handlungsfähigkeit der Menschen, letztlich die erweiterte Möglichkeit zur Herstellung nützlicher Gebrauchswerte, zu erhalten und so den Weg für einen positiven Ausgang aus der Geschichte offen zu halten 

Die Theorie der Informatisierung ist handgestrickt und bis heute auch nur kursorisch veröffentlicht. Leider habe ich es bisher aus guten Gründen nie geschafft, die 600 Seiten historische Rekonstruktion der Geschichte der Informatisierung der Arbeit veröffentlichungsreif zu machen. Sie schmachten also seit 1997 auf meiner Festplatte und warten darauf, dass ich endlich mehr Zeit habe. Heute erkenne ich in unserem Ansatz Parallelen zu den Arbeiten von Floridi und hoffe darauf, dass meine in philosophischen Fragen bewandertere Kollegin Barbara Langes diese in ihrer Arbeit weiter ausarbeitet 

Aber sei es drum, wie auch immer wir zu einem Raumkonzept kommen, ob über die Medientheorie oder die Informationstheorie: Das Konzept des sozialen Raums halte ich für den gegenwärtig interessantesten Ansatz zum soziologischen und kulturwissenschaftlichen Verständnis dessen, was gemeinhin als digitale Gesellschaft bezeichnet wird. Hier ist also ein spannender Andockpunkt. Das würde ich gerne in weiteren Gesprächen ausbauen.  

 

 

Emanzipation 

Ein wesentlicher Grund für das Zentralstellen des Raumkonzepts ist die darin angelegte Fokussierung der Handlungsmöglichkeiten der Menschen und die Kontingenzannahme hinsichtlich der weiteren digitalen Entwicklung.  

Gegenwärtig sind ja in der sozialwissenschaftlichen Debatte vor allem Konzepte in der Diskussion, die in technischen Artefakten oder in den GAFAs die eigentlichen Subjekte der Informatisierung sehen. In technizistischer Lesart landen sie bei einer utopischen oder dystopischen Vorstellung von technischer Singularität. Und in kapitalismuskritischer Lesart enden sie meist in hermetischen Argumentationsfiguren mit dystopischem Ausgang zumindest, wenn es nicht gelingt, den Siegeszug der GAFAs und BATs zu stoppen. Emanzipation scheint hier nur möglich, wenn und insoweit die Digitalisierung der GAFAs und BATs gestoppt wird. Ein in dieser Entwicklung liegendes Emanzipationspotential wird aus verschiedenen Gründen systematisch negiert und in das Feld der Internet-Tales aus grauer Vorzeit verwiesen. (Diese Besserwisserei a la „Ja früher, da mag das Internet ja mal eine Grundlage für Emanzipation beinhaltet haben, aber wer das heute noch denkt…“ nervt mich, ehrlich gesagt.) 

Da freue ich mich über Arbeiten, die zumindest die Möglichkeit, dass die Menschen an Handlungsmöglichkeiten gewinnen könnten, ins Auge fassen und im Kontext der „Digitalität“ von einem „Möglichkeitsraum“ sprechen.  

Ähnlich argumentiere ich. Natürlich weiß ich um die Gefahren der ökonomischen „Landnahme“ im Informationsraum. Aufgrund unserer umfangreichen Empirie in 47 Vorreiterunternehmen der Informationsökonomie haben wir einen sehr konkreten Begriff davon [siehe Blog]. Aber dennoch halte ich mit guten Gründen an der Offenheit der Situation und der zu gestaltenden „Dialektik des Informationsraums“ fest.  

In meinen kürzlich zur Debatte gestellten sieben Thesen zum Paradigmenwechsel in der deutschen Wirtschaft [siehe Blog] heißt es daher zum Schluß: Ich bin davon überzeugt, dass eine auf Emanzipation der Menschen gerichtete Gestaltung immer versuchen muss, mit der Welle der Produktivkraftentwicklung zu gehen und nicht gegen sie. Das Ziel muss sein, die Produktivkraftentwicklung für die Wohlfahrt der Gesellschaften zu nutzen, statt sie zu vernichten. Damit steht also die Frage auf der Tagesordnung: Wie können wir das Produktivkraftpotential des Informationsraums im Sinne der Emanzipation der Menschen nutzen? Ich fände es interessant, diesen Möglichkeitsraum in einer kritischen Lesart weiter auszubuchstabieren. Auch da wäre ein interessanter Andockpunkt für weitere Diskussionen. 

Ich würde bestimmt noch viele weitere spannende Andockpunkte finden. Aber diese sollen aus Zeitgründen erst einmal genügen.  

 

 

Digitalität 

Zum Schluss noch eine Andockstelle, an der ich allerdings ex negativo anschließen würde. Der Begriff der „Digitalität“, der sich neuerdings in kulturwissenschaftlichen und soziologischen Kreisen großer Beliebtheit erfreut, wird von Felix schön eingeführt. Dennoch scheint mir dieser Begriff begriffsstrategisch ein Holzweg zu sein.  

Ich weiß natürlich, dass man heutzutage in der deutschen Debatte nicht mehr an dem Begriff der „Digitalisierung“ vorbeikommt, so dass ich mich notgedrungen und in dem Zwang, mich einigermaßen verständlich zu machen, immer wieder mit einem sparsamen Lächeln auf den Begriff beziehe. Aber darauf jetzt noch einen weiteren Begriff zu setzen, noch dazu einen Seinsbegriff, halte ich für nicht sinnvoll und erhoffe mir durch weitere Debatten Argumente. 

Um meine Position anzudeuten: Ich würde das Konzept der Digitalisierung immer funktional, historisch und logisch dem übergreifenden Begriff der Informatisierung und diesen der Produktivkraftentwicklung zuordnen. Digitalisierung ist immer Teil der Informatisierung, also in letzter Konsequenz ein Moment der Nutzung von Informationen zur Erweiterung der geistigen Handlungsfähigkeiten des Menschen. Digitalisierung ermöglicht im Zusammenspiel von Technologien, Methoden, Daten und menschlichem Vermögen die Erzeugung von Werkzeugen und Meta-Werkzeugen zur Verarbeitung von Daten im Prozess der Erzeugung und Nutzung von Informationen.  

Diese Unterscheidung von Daten und Informationen ist fundamental. Denn Maschinen prozessieren immer nur Daten, und Menschen machen daraus nützliche Informationen. Informationen unterscheiden sich also von Daten durch den Sinn. Das markiert ihren kategorialen Unterschied. Da folge ich Luhmann. Und weil Informationen immer an Sinn anschließen, sind sie notwendig an die menschliche Existenz und damit an die Notwendigkeit gebunden, Gebrauchswerte zu erzeugen. Diese Unterordnung des Begriffs der Digitalisierung unter den der Informatisierung erdet die digitale Entwicklung, denn sie bindet die Digitalisierung immer an die Notwendigkeit der Reproduktion der menschlichen Existenz 

Weshalb ich nun einem für mich untergeordneten Begriff wie der Digitalisierung weitere Attraktivität verleihen soll, indem ich ihn zentral stelle und noch dazu als Seinsform behandele, erschließt sich mir einfach nicht. Das nährt doch die mit dem Begriff der Digitalisierung notwendig verbundenen Verselbständigungsphantasien des Digitalen. Oder? 

Begreift man also die Digitalisierung als Teil der Informatisierung, so landet man in historischer Betrachtung der Entwicklungsphasen der Informatisierung über die Zwischenstufen Verschriftlichung, Informationssysteme bei der Herausbildung des Internets und gibt diesem Vorzug, und nicht dem schillernden und unspezifischen Begriff der „Digitalisierung“. Hier liegt der Bruch begründet, der die aufgeregten Debatten um die Digitalisierung hervorgerufen hat. Das Internet im Kontext der Informatisierungstheorie reflektierend, lande ich bei meinem Schlüsselbegriff, dem Informationsraum, einem neuartigen sozialen Handlungsraum. Dieser wird mit der Popularisierung des Internets seit den 1990er Jahren zu einer zunehmend relevanten weltgesellschaftlichen Handlungsebene. Um den Gedanken kurz anzureißen. Das Internet ist nicht einfach als programmierte Technik zu verstehen, es ist vielmehr eine „Mitmachinfrastruktur“ und ein „Meta-Werkzeug“ zur Steigerung der geistigen Produktivkräfte. Denn dies ermöglicht die Herausbildung und Reproduktion eines weltweit verfügbaren Informationsraums als eines neuartigen sozialen Handlungsraums. Hierin liegt der für den aktuellen Umbruch relevante Produktivkraftsprung begründet. Internet und Informationsraum hängen natürlich eng zusammen, gehen aber nicht ineinander auf. Da liegt der zentrale Unterschied unserer Überlegungen zu den Überlegungen zum „kommerziellen Internet“ von Philipp Staab oder zur „Plattformökonomie“ (diverse) 

Ja, das Internet wird von konkreten Unternehmen in Verfolgung ihres Erwerbszwecks gemacht und wesentlich entsprechend ihrer Interessen gestaltet. Der Informationsraum entsteht demgegenüber aus der Praxis von Milliarden Menschen. Natürlich ist diese soziale Praxis stets an die Möglichkeiten des Internets gebunden. Im Extrem ließe sich also der soziale Handlungsraum abschalten, wenn jemand auf die Idee käme, das Internet abzuschalten und die Macht dazu hätte. Und selbstverständlich ergeben sich unterhalb dieser Schwelle tausende Möglichkeiten der Beeinflussung der Praxis des Informationsraums über die Gestaltung des Internets. Und dennoch: Der Informationsraum ist so wie er historisch entstanden ist, ein offener Raum. Die Strategien der dominierenden Unternehmen im Internet zielen daher gerade nicht darauf, diese Offenheit zu vernichten (das machen eher staatliche Institutionen und Unternehmen aus der analogen Welt), sondern sie für ihre Zwecke zu nutzen. Das macht ihren spezifischen Modus der Landnahme gegenüber unterlegenen Konkurrenten wie AOL aus. Sie fördern den offenen Raum, weil sie darin erst ihre Geschäftsmodelle verwirklichen können. Das führt zu neuartigen Strategien der systemischen Beeinflussung, die dem Instrumentarium der Kybernetik entlehnt sind. Sie bergen enorm hohe Risiken hinsichtlich des Eingriffs in das soziale Verhalten und des Denkens der Menschen. Ihr Wesen ist allerdings die systemische Beeinflussung des Verwertungsprozesses als ein ganzheitlicher Prozess von Produktion und Distribution, weshalb ich den Begriff des „Überwachungskapitalismus“ von Shoshana Zuboff für nicht zielführend halte. Und trotz aller nicht von der Hand zu weisenden Gefahren: Die Unternehmen reproduzieren mit ihren neuartigen Strategien der Landnahme im Informationsraum dessen Dialektik auf erhöhter Stufenleiter. Sie vernichten sie aber nicht. Die Radikalisierung des ökonomischen Zugriffs realisiert sich (zumindest bis dahin) durch die Öffnung des Raums. Von proprietären Räumen zu sprechen oder gar von „proprietären Märkten“ (Staab) negiert die in dieser Dialektik liegende Spannung, statt sie für eine weitergehende Gestaltung zu markieren. 

Internet und Informationsraum sind noch aus einem zweiten Grund nicht identisch. Während das Internet stets Daten prozessiert, geht es im Informationsraum immer um Informationen als Momente menschlicher Handlungsfähigkeit. Da im Gegensatz zu vorherigen Phasen der Informatisierung das Erzeugen der Ausgangsdaten nicht mehr organisatorischem Zwang bedarf, weil diese als Nebenfolge des sozialen Handelns im Informationsraum anfallen, öffnet sich im Informationsraum trotz aller Versuche der Beeinflussung durch Unternehmen – die prinzipielle Möglichkeit, die Erzeugung von Informationen auf der Basis der verfügbaren Daten von den unmittelbaren Zwecken konkreter Organisationen zu lösen, insoweit sie frei verfügbar sind. Deshalb es so wichtig, dass die im Informationsraum durch das soziale Handeln von Milliarden von Menschen erzeugten Daten, diesen bei Wahrung entsprechender Datenschutzrechte uneingeschränkt zur weiteren Verwendung zur Verfügung stehen. In diesem Sinne kommt also darauf an, dass sich die Menschen die Produktivkräfte und hier insbesondere das Potential des Informationsraums aneignen, um es für ihre Zwecke zu nutzen. 

Emanzipation würde nun aus meiner Sicht in dem Maße möglich, wie es den Menschen gelingt, sich die Produktivkraftpotentiale des Informationsraums anzueignen und für gemeinwohlorientierte Zwecke zu nutzen. Da ist ein Andockpunkt an Felix’ Überlegungen zur Common. Denn da wären wir beispielsweise bei Fragen der gemeinschaftlichen Organisation unserer Existenz, beim sozialen, ökologischen und demokratischen Umbau der weltgesellschaftlichen Produktionssysteme, der Nutzung einer neuen Raum-/ Zeitstruktur der Weltgesellschaft für den Umbau der Mobilitätssysteme, der Verwirklichung von Gendergerechtigkeit im Zusammenspiel von Produktion und Reproduktion der Gesellschaft und der Schaffung einer wirklich demokratischen Öffentlichkeit und entsprechender Beteiligungs– und Gestaltungsmöglichkeiten für die Menschen und darauf aufbauend einer neuen Qualität der Integration der Weltgesellschaft 

So viel von meiner Seite. Vielleicht finden sich ja interessierte Menschen für die weitere Debatte. Das würde mich freuen. 

 

 

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Boes, Andreas (2019): „Kultur der Digitalität“ – Andockpunkte für eine weitergehende Debatte. Online verfügbar unter https://idguzda.de/blog/kultur-der-digitalitaet-debatte-informatisierung [04.12.2019].

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