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It’s the internet, stupid! Deutsche Wirtschaft im Paradigmenwechsel

Beitrag von Andreas Boes, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V.

Kürzlich durfte ich mich im Rahmen des #OpenSpace4Future der Initiative #zukunftstaucher an einer spannenden Skype-Diskussion beteiligen. Meine Thesen zum Thema It’s the Internet, stupid! Deutsche Wirtschaft im Paradigmenwechsel” fasse ich hier nocheinmal zusammen.


These 1

Wir leben in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs, vergleichbar mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Grundlage des Umbruchs ist ein Produktivkraftsprung. Zentrierte der vorherige historische Umbruch um die Herausbildung der Maschinensysteme der „großen Industrie“, so liegt dem aktuellen Umbruch die Entstehung des Informationsraums zugrunde. [1]


These 2

Das Potential dieses Produktivkraftsprungs für die Etablierung eines neuen Musters der Ökonomie wurde von den Internet-Unternehmen des Silicon Valley entdeckt und nach und nach in ihrem Interesse weiterentwickelt. In Nutzung des Informationsraums haben Unternehmen wie Amazon, Google, Spotify, Netflix oder Tesla unsere Vorstellungen von Wertschöpfung revolutioniert. Sie etablieren neue Geschäftsmodelle, die auf Informationen beruhen und über Plattformen im Informationsraum orchestriert werden. Diese Wertschöpfungskonzepte setzen auf Innovationen in Permanenz und bauen auf beständige Lernschleifen der Organisation auf. Die Qualität dieser Lernschleifen und die Verfügung über die zugrunde liegenden Daten sowie insbesondere die Fähigkeit, aus diesen Daten nützliche Informationen und Innovationen zu machen, sind die zentralen Erfolgsfaktoren dieses Modells. [2]


These 3

Die Produktivkräfte um den Informationsraum haben jetzt einen Reifegrad erreicht, der einen Paradigmenwechsel der Ökonomie in Richtung einer Informationsökonomie wahrscheinlich macht. Gegenwärtig schicken sich die Internet-Unternehmen aus den USA und zunehmend auch aus China an, dieses neue Konzept der Ökonomie auf die übrige Wirtschaft zu übertragen. Aufbauend auf dem Konzept der Cloud und im Zusammenspiel mit den strategischen Hebeln Internet of Things (IoT) und Künstliche Intelligenz, erfolgt aktuell der Brückenschlag in die industriellen Kerne und die Zentren der Dienstleistungswirtschaft.


These 4

Die Strategiebildung in Deutschland befindet sich in unbewussten Suchprozessen im Umgang mit diesem Paradigmenwechsel von der „großen Industrie“ in das Paradigma der Informationsökonomie. In der Logik des alten Paradigmas haben wir in Deutschland das Internet regelrecht verdrängt und gemeint, mit „Industrie 4.0“ ein geeignetes Gegenkonzept gefunden zu haben. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Seit diesem Jahr dämmert es den Strategen in Wirtschaft und Politik. Die Informationsökonomie wird nun in deren Köpfen zu einer ernsthaften Bedrohung, ohne dass sie als neues Paradigma dechiffriert wird. Dies führt aktuell zu hektischen Reaktionen. KI-Initiative, Gaia-X, Datensouveränitätsdiskurs, etc. Die Partnerschaft von VW mit Amazon Web Services und Siemens zum Aufbau einer Industrie-Cloud markiert vermutlich den Dammbruch hinsichtlich des Übergangs der deutschen Industrie in die Informationsökonomie. Jetzt kommt Tempo in die Entwicklung, aber nicht unbedingt Klarheit.


These 5

Zentrale soziale Herausforderung ist die Bewältigung des Paradigmenwechsels als innerem Kern der gesellschaftlichen Umwälzung. Paradigmen sind wie „Schienen“ in der Entwicklung einer Gesellschaft. Sie bauen auf theoretisch begründeten Überzeugungen und großen Erzählungen auf, formieren das Zusammenspiel der identitätsstiftenden Institutionen und deren Gefüge, sedimentieren im System gesellschaftlicher Arbeitsteilung und werden in der Praxis einer Gesellschaft beständig reproduziert. Grundproblem von Paradigmenwechseln ist ihre disruptive Gewalt gegenüber den alten Strukturen und deren Eliten. Eliten sind im alten Paradigma an ihre Position gelangt. In Phasen eines Umbruchs verteidigen sie ihre Position und damit auch das alte Paradigma. Folglich entstehen in Übergangsphasen viele Nebelkerzendiskussionen und Fake-Begriffe. Sie blinken in Richtung des Neuen und erhalten das Alte. Siehe beispielsweise dazu die „diskursive Kakophonie“ um den Begriff der „Digitalisierung“. [3]


These 6

Dominant im deutschen Versuch der Bewältigung des Paradigmenwechsels ist weiterhin das alte Paradigma. Es wird weiterhin versucht, das Neue im Muster des Alten zu verstehen und so zu gestalten, dass eine grundlegende Disruption der sozialen Verhältnisse verhindert wird. Bezeichnend ist der Eiertanz um die Benennung der Agentur für Sprunginnovationen. Aktuell sehe ich drei Strategiealternativen mit einer gewissen Plausibilität: a) Contractfertiger b) Internet unbrauchbar machen c) Informations-industrielle Produktionsweise. Bedeutet: Gelingende Symbiose der Welt der Dinge und der Welt der Informationen. High-Tech-Ökonomie.


These 7

Eine auf die Emanzipation des Menschen gerichtete Wissenschaft muss sich an der Suche von Lösungen im Sinne gesellschaftlicher Wohlfahrt beteiligen. Dazu ist grundsätzlich die Stellung des Menschen zu begründen. Sonst geht nichts! Die Wertschöpfung der Informationsökonomie baut darauf auf, dass es eben nicht darauf ankommt, den Menschen zu ersetzen, sondern anstelle der Maschinensysteme zum Zentrum der Wertschöpfung zu machen. Der Grund ist: Maschinen verarbeiten immer nur Daten. Worauf es in der Ökonomie der Zukunft aber ankommt, ist deren Verwandlung innützliche Informationen und Innovationen. Und die ist nur mit Hilfe menschlicher Intelligenz möglich. In diesem Kontext wäre eine KI-Strategie einzubetten, die um das Konzept der Extended Intelligence gebaut sein könnte. [4] Hier liegt ein großer Vorteil für das an Emanzipation orientierte Entwicklungsmodell.


Centerum censeo

Ich bin davon überzeugt, dass eine auf Emanzipation der Menschen gerichtete Gestaltung immer versuchen muss, mit der Welle der Produktivkraftentwicklung zu gehen und nicht gegen sie. Das Ziel muss sein, die Produktivkraftentwicklung für die Wohlfahrt der Gesellschaften zu nutzen, statt sie zu vernichten. Damit steht also die Frage auf der Tagesordnung: Wie können wir das Produktivkraftpotential des Informationsraums im Sinne der Emanzipation der Menschen nutzen?


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Inhalte dürfen ausschließlich unter Angabe der Quelle verwendet werden:

Boes, Andreas (2019): It’s the internet, stupid! Deutsche Wirtschaft im Paradigmenwechsel. Thesen zum #OpenSpace4Future der Zukunftstaucher am 25.11.19. Online verfügbar unter https://idguzda.de/blog/openspace4future/ [04.12.2019].



Fußnote zum Text:

[1] Diesen Überlegungen liegt eine Theorie zugrunde, die die Digitalisierung als Moment eines historisch viel weiter zurückreichenden Prozesses der Informatisierung begreift. Menschen erzeugen und nutzen Informationen, um ihre geistigen Fähigkeiten zu erweitern. Die Theorie der Informatisierung habe ich in der ersten Phase in der ersten Hälfte der 1990er Jahre mit Andrea Baukrowitz entwickelt (Baukrowitz/Boes 1996: Arbeit in der ‚Informationsgesellschaft‘). Eine Weiterentwicklung findet dann im Team 6 im ISF München statt (http://IdGuZdA.de). Die elaborierteste Fassung der Theorie findet sich immer noch in Boes 2005: Informatisierung. Wichtig daran ist, dass wir in einer theoretisch und historisch begründeten Perspektive eine Grundlage für die Veränderungsprozesse schaffen, die im deutschen Diskurs unter dem unspezifischen Label „Digitalisierung“ diskutiert werden. Der Kern der Theorie ist das Argument des Informationsraums als eine neuartige soziale Handlungsebene, welcher einen Produktivkraftsprung in der Weltgesellschaft darstellt. Weil wir in einer produktivkrafttheoretischen Sicht argumentieren, öffnet diese Theorie den Blick für das Emanzipationspotential dieser Entwicklung, ohne die Augen vor den Gefahren zu verschließen.

[2] Diese These wird am prägnantesten im Artikel Boes/Langes/Vogl 2019 in: Die Cloud und der Umbruch in Wirtschaft und Arbeit entfaltet. Eine Kurzfassung findet sich im Blog „Digitale Transformation in Deutschland: Wir brauchen einen Perspektivwechsel!“.

[3] Mit der verwirrenden Wirkung des Begriffs der „Digitalisierung“ im deutschen Diskurs habe ich mich in dem Blog „It’s the internet, stupid!“ auseinandergesetzt.

[4] Diese Überlegungen sind im Blog „KI –Stategischer Baustein der Arbeit in der Informationsökonomie“ zusammengefasst.

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